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2012-03-26

Religionsfreiheit

Der Begriff Religionsfreiheit beschreibt nicht nur die Freiheit, die eigene Religionszugehörigkeit zu bestimmen; er umfasst auch die Freiheit, keiner Religionsgemeinschaft angehören zu müssen - die Freiheit von Religion.

Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Das bedeutet dann das Ende einer über dreißig Jahre dauernden Reise von der Taufe bis hin zu meiner persönlichen Religionsfreiheit.

Zwar sind meine Eltern nicht streng religiös, aber vermutlich aus ihrer eigenen Erziehung und dem kulturellen Zwang heraus wäre es für sie undenkbar gewesen, mich nicht taufen zu lassen. Der Grad an Religiosität war zu Hause recht überschaubar: von der Teilnahme an obligatorischen Sakramenten einmal abgesehen schlug sich die Religiosität hauptsächlich darin nieder, dass es an Karfreitag kein Fleisch zu essen gab. Da ich nun aber der katholischen Glaubensgemeinschaft offiziell angehörte, musste ich natürlich ab der Grundschule in den Religionsunterricht, und so wurde mir doch ein beträchtlicher Umfang an christlicher Erziehung zuteil. Und genau das Thema Erziehung ist mein Kritikpunkt an Religion ganz allgemein, und einer der wichtigsten Gründe dafür, warum ich ausgetreten bin.

Den ersten große Schritt in Sachen Christentum, an dem ich irgendwie selbst beteiligt war, stellte die Erstkommunion dar. Meine Beteiligung war jedoch eher theoretischer Natur, denn der Kommunionunterricht ging als Kind völlig an mir vorbei. Erst Jahre später verstand ich, dass der eigentliche Sinn der Veranstaltung eben die feierliche erstmalige Teilnahme an der Eucharistie war (ob das nun eher an einem mangelnden Interesse meinerseits lag, oder vielleicht doch eine verfehlte Lehrleistung war, kann ich nicht beurteilen).

Von meiner eigenen Erstkommunion weiß ich generell fast nichts mehr. Warum das so ist wurde mir erst viele Jahre später, während einer anderen Erstkommunion, bewusst: Man ist mit acht oder neun Jahren einfach noch zu jung, um wirklich zu verstehen, was da passiert. Es waren die realitätsfernen Worte des Priesters, die mir die Augen öffneten: Die Kinder seien jetzt alt genug, das Bekenntnis zur katholischen Religion, welches die Eltern bei der Taufe zunächst einmal stellvertretend abgelegt hatten, nun selbst zu bekräftigen. Zur Erinnerung: Wir trauen Kindern in diesem Alter zum Beispiel nicht zu, ihre Schulbildung selbst in die Hand zu nehmen, Mofa zu fahren oder auch nur rechtlich für die Folgen ihres Handelns haftbar zu sein. Aber eine so grundlegende Entscheidung wie das Bekenntnis zur einer Religion, die möglicherweise den Grundstein für ein lebenslanges unreflektiertes Hinnehmen religiöser Geschichten und Dogmen legt, können sie mit acht Jahren schon selbst bestimmen?

Ich halte diese Aussage des Priesters im besten Falle für Selbsttäuschung, im schlimmsten Falle für Augenwäscherei; wie dem auch sei, in beiden Fällen dient sie dazu, der Veranstaltung eine Berechtigung zu geben. In Wahrheit entscheiden die Kinder bei ihrer Erstkommunion gar nichts selbst - sie befinden sich schlicht in einer gesellschaftlichen und kulturellen Zwangssituation, der sie sich zum einen nicht einmal bewusst sind, und der sie sich zum anderen nicht entziehen könnten oder gar wollten. Dafür sind zu schließlich noch zu jung. 

Der Tag dieser Erstkommunion, viele Jahre nach meiner eigenen, war der Tag, an dem ich erstmals wirklich begann, mir eine reflektierte Meinung zu Religion im Allgemeinen und der katholischem Kirche im Speziellen zu bilden. Bis dahin war ich einfach nur mitgeschwommen. Irgendwann habe ich dann den Entschluss gefasst, dass ich nicht mehr dazugehören möchte, und das nun endlich umgesetzt.

Dabei gibt es viele Aspekte der Kirche, die für mich unhaltbar sind. Die Verachtung von Homosexualität, die angebliche Unfehlbarkeit des Papstes, die fehlende Gleichberechtigung, das Erheben von Dogmen über wissenschaftliche Fakten, die Vertuschung von sexuellem Missbrauch, die faktische Nicht-Trennung zwischen Kirche und Staat und das Verbot von Kondomen sind nur einige Beispiele. Doch am schlimmsten finde ich, dass eine religiöse Erziehung den Kindern den Sinn für das wahrhaftig Wunderbare in dieser Welt raubt. Es soll geglaubt werden, anstatt zu denken, anstatt neugierig zu sein, anstatt zu hinterfragen. Erdachte Geschichten (etwa über die sagenhafte Enstehung der Welt, über das Teilen eines Meeres, über das Zusammentreiben von Paaren jeder Tierart vor einer globalen Flut oder über das Wunderheilen eines Wanderpredigers) werden Kirchenangehörigen schon von Kindesbeinen an als Wahrheiten präsentiert, und viele davon glauben ihr ganzes Leben lang daran. 

Und das, wo die Welt ein solch phantastischer Ort ist, auch ganz ohne diese Geschichten! Die menschliche Neugier treibt unser Wissen über die Welt jeden Tag voran. Wir lernen etwa über die Evolution von unzähligen Gattungen, analysieren unvorstellbar komplexe Ökosysteme, bekämpfen mikroskopische Krankheitserreger, entdecken Planeten, die um andere Sterne kreisen, experimentieren mit den Grundbausteinen der Materie und beobachten Kollisionen von ganzen Galaxien! In Anbetracht der Fülle des menschlichen Wissens ist es ein Leichtes, neugierige Kinder von diesen Dingen zu begeistern und ihnen schon früh ein Verständnis für Realität und Wissenschaft zu vermitteln. Die fassbare Wirklichkeit lässt die  Geschichten aus der Bibel nämlich ganz schön alt aussehen.

Zwar bietet die Kirche auch viel Gutes. Sie gibt moralische Grundsätze wie die Nächstenliebe, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft vor, stiftet ein Gemeinschaftsgefühl, betreibt karitative Einrichtungen und vieles mehr. Sie trägt damit sehr viel zu einer besseren Gesellschaft bei. Aber keine dieser menschlichen Errungenschaften setzt den Glauben an einen Gott voraus. Oder den Glauben daran, dass die Bibel (oder, je nach Glaubensrichtung, nur Teile daraus) das Wort dieses Gottes sei. Oder den Glauben an irgendetwas anderes Übernatürliches. 

Ich habe also endlich den letzten großen Schritt in Sachen Christentum vollzogen: Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Aus jenem von Menschen gegründeten, von Menschen betriebenen, von Menschen verwalteten Verein, der seinen Mitgliedern von klein auf eine von Menschen geschriebene, überlieferte, immer wieder fehlerhaft übersetzte, oft redigierte und voller Widersprüche steckende Geschichtssammlung als das unfehlbare Wort eines imaginären Gottes darlegt. Aus jenem Verein, der nur deshalb immer weiter besteht, weil Eltern ihren Kindern wichtige moralische Werte zwar vermitteln, aber mit diesen Werten ganz selbstverständlich den Glauben an Gott und die Bibel verknüpfen. 

Aus jenem Verein, der so tief in Gesellschaft und Kultur verankert ist, dass jedes ungetaufte Kind Gefahr läuft, als Außenseiter aufzuwachsen.

Dabei finde ich solche Kinder zutiefst beneidenswert. Die Zeit, die andere Kinder in der Kirche oder im Religionsunterricht verbringen, können religionsfreie Kinder dafür nutzen, mehr über diese phantastische Welt zu lernen, in der sie aufwachsen - frei von realitätsfernen Märchen, die ihnen als Wahrheiten dargestellt werden. Oder sie können vielleicht auch einfach nur etwas spielen - das wäre ebenfalls eine sinnvollere Beschäftigung.


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