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2004-06-12

Freitagabendeinkauf

Den Pizzateig gerade zum Gehen auf den Schrank gestellt, setze ich mich in mein Auto um für den entsprechenden Belag zu sorgen. Ausnahmsweise rege ich mich mal nicht über die Schneeängstlichkeit des gemeinen Siegerländers auf und fahre gelassen Richtung Aldi. Mir fällt ein: ich habe kein Bargeld mit. Gut, Lidl nimmt EC-Karten - ihr habt heute einen Kunden mehr.

Dass die Leute von Lidl an diesem Abend schon mehr als genug Kunden zu haben scheinen, wird mir klar, als ich auf den Parkplatz komme. Ich parke, gehe zielstrebig an den Einkaufswagen vorbei - vielleicht ist es Einbildung, aber ich habe in diesem Moment das Gefühl, ohne Einkaufswagen so eine Art Alien zu sein - und suche ich mir einen kleinen Karton, in dem ich fortan meine Beute sammle. Der Karton verleiht mir einen klaren Vorteil: Quasi als Rollerfahrer im allgemeinen Verkehrschaos sammle ich meine Sachen zusammen und bewege mich Richtung Kasse. In der Schlange - die sich natürlich keinen Meter vorwärts bewegt - werde ich von den Einkaufswagenfahrern argwöhnisch beäugt. Ist es eigentlich irgendwie gesellschaftlich verpönt, keinen Einkaufswagen zu verwenden?

Der Grund, warum sich die Schlange keinen Meter bewegt, offenbart sich: Eine junge Frau hat sich vor ihrem Einkauf offenbar keine Gedanken über ihre Liquidität gemacht und stellt gerade alle ihre Sachen wieder zurück aufs Band. Rückwärtseinkaufen sozusagen. Ich versuche, Murphy zu trotzen, und wechsle die Schlange. Logischerweise bringt das nichts, denn als ich dort anstehe geht es an der alten Schlange plötzlich mit Warp 7 weiter.

Nach und nach wird mir ein Nachteil meiner Karton-Lösung klar: mit der Zeit wird er schwer, die Arme werden lang. Naja, gleich ists geschafft, die Frau vor mir räumt ja schon ihren Kram auf das Band. Und wie. Die linke Hand umklammert fest ihre Autoschlüssel und ihren Geldbeutel (immerhin schon gut vorausgedacht) während sie mit einer an Behäbigkeit kaum zu übertreffenden Geschwindigkeit ihre andere Hand bemüht, den randvollen Einkaufswagen leerzuräumen. Während mein Beute-Karton immer schwerer wird, überlege ich mir, wie oft ich in meiner Kindheit und Jugend, wenn ich mal irgendwo was helfen musste, den Satz zu hören gekriegt habe: "Jung, du hast doch zwei Hände!"

Nachdem die Kassiererin das spärlich belegte Band leergeräumt hat, stelle ich erleichtert fest, dass die Dame wenigstens liquide ist. Schließlich gibt mir die Verkäuferin das Gefühl, als Kunde noch König zu sein ("Mer meint ja grad, ganz Siegen tät hier einkaufen ... da kann ja morgen keiner mehr kommen."), und ich räche mich mit dem Zücken meiner EC-Karte. Mein Blick schweift über die Schlange an der Kasse, während ich darauf warte, dass ich meine Geheimzahl eingeben muss. Ja, in diesem Moment hasst ihr mich alle.