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2004-07-24

Stehvermögen

Die Intelligenz hat den Menschen weit gebracht. Sie hat uns aus den Höhlen ans Licht geführt, uns die so genannte Zivilisation beschert, Repräsentanten von uns auf den Mond geschickt und uns die Mikrowelle geschenkt. In jedem von uns steckt zumindest ein bißchen von ihr, und selbst wenn das nur das minimalste Quentchen vorhanden ist so verlangt es die politische Korrektheit, jeden Menschen unterschiedlos als intelligent anzusehen. Manche mögen sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden, aber es gibt durchaus Indizien dafür, dass es stimmt. Ein sehr gutes Indiz ist eine Fähigkeit, die wirklich ausnahmslos alle Menschen, gleich welches Intelligenz- und Bildungsstandes, besitzen. Es ist eine Fähigkeit, die uns alle eint, die jedem mit in die Wiege gelegt worden ist und die wir alle hin und wieder einsetzen, ohne es uns wirklich bewusst zu machen.

Es ist die Fähigkeit, dumm im Weg rum zu stehen.

Beginnen wir mit dem Klassiker: Zwei oder mehrere Personen begegnen sich zufällig und führen spontan ein 42-minütiges Gespräch - direkt vor (oder respektive hinter) einer Tür. Nicht irgendeiner Tür. Schon die Tür, durch die pro Minute etwa 50 Leute durch müssen. Diese Variante des dumm-im-Weg-rum-Stehens hat gegenüber anderen, weitaus tückischeren Arten einen Vorteil: Man kann schon von weitem die Schlange sehen und gegebenenfalls einen Umweg einplanen. Nicht weniger ein Klassiker, obgleich eine Variation des Stehens an sich: Die Treppensitzgruppe. Optimalerweise über mehrere Stufen abwechselnd links und rechts verteilt (man will sich ja unterhalten können) soll es Treppensitzgruppen schon gelungen sein, ganze Treppenhäuser verkehrstechnisch lahmzulegen. Zwischen diesen beiden Beispielen gibt es das dumm-im-Weg-rum-Stehen in allen erdenklichen Spielarten: Mal hier eine halbe Stunde lang den Einkaufszettel direkt vor einem schmalen Regal lesen, mal dort unschuldig den Zugang zum Aufzug verstellen, der ohnehin nur alle Stunde mal kommt. Oder als eine Insel der Ruhe genüsslich ein Bier schlürfen, mit dem Rücken an der betriebsamen Partytheke angelehnt.

Es ist zu vermuten, dass man mit dem dumm-im-Weg-rum-Stehen auch metaphysikalische Zusammenhänge nachweisen kann, oder zumindest Indizien für ihre Existenz. Oder wie kann es physikalisch, chemikalisch, stochastisch oder sonstwie möglich sein, dass alle anderen Personen außer einem selbst am gleichen Tag ihre intelligenzgegebene Fähigkeit einsetzen und dumm im Weg rum stehen?

Als Tipp für einen solchen Tag sei erwähnt: Konstruktives Anrempeln wird bestenfalls mit einem vernichtend bösen Blick quittiert. Schlimmstenfalls mit Schläge.



Anmerkung von mir selbst, fast sieben Jahre später (und vielleicht ein Zeichen dafür, dass man doch mit der Zeit heranreift) möchte ich folgende Feststelung hinzufügen: Es gibt ja durchaus auch die Möglichkeit, die blockierenden Personen freundlich um Durchlass zu bitten.

2004-06-12

Freitagabendeinkauf

Den Pizzateig gerade zum Gehen auf den Schrank gestellt, setze ich mich in mein Auto um für den entsprechenden Belag zu sorgen. Ausnahmsweise rege ich mich mal nicht über die Schneeängstlichkeit des gemeinen Siegerländers auf und fahre gelassen Richtung Aldi. Mir fällt ein: ich habe kein Bargeld mit. Gut, Lidl nimmt EC-Karten - ihr habt heute einen Kunden mehr.

Dass die Leute von Lidl an diesem Abend schon mehr als genug Kunden zu haben scheinen, wird mir klar, als ich auf den Parkplatz komme. Ich parke, gehe zielstrebig an den Einkaufswagen vorbei - vielleicht ist es Einbildung, aber ich habe in diesem Moment das Gefühl, ohne Einkaufswagen so eine Art Alien zu sein - und suche ich mir einen kleinen Karton, in dem ich fortan meine Beute sammle. Der Karton verleiht mir einen klaren Vorteil: Quasi als Rollerfahrer im allgemeinen Verkehrschaos sammle ich meine Sachen zusammen und bewege mich Richtung Kasse. In der Schlange - die sich natürlich keinen Meter vorwärts bewegt - werde ich von den Einkaufswagenfahrern argwöhnisch beäugt. Ist es eigentlich irgendwie gesellschaftlich verpönt, keinen Einkaufswagen zu verwenden?

Der Grund, warum sich die Schlange keinen Meter bewegt, offenbart sich: Eine junge Frau hat sich vor ihrem Einkauf offenbar keine Gedanken über ihre Liquidität gemacht und stellt gerade alle ihre Sachen wieder zurück aufs Band. Rückwärtseinkaufen sozusagen. Ich versuche, Murphy zu trotzen, und wechsle die Schlange. Logischerweise bringt das nichts, denn als ich dort anstehe geht es an der alten Schlange plötzlich mit Warp 7 weiter.

Nach und nach wird mir ein Nachteil meiner Karton-Lösung klar: mit der Zeit wird er schwer, die Arme werden lang. Naja, gleich ists geschafft, die Frau vor mir räumt ja schon ihren Kram auf das Band. Und wie. Die linke Hand umklammert fest ihre Autoschlüssel und ihren Geldbeutel (immerhin schon gut vorausgedacht) während sie mit einer an Behäbigkeit kaum zu übertreffenden Geschwindigkeit ihre andere Hand bemüht, den randvollen Einkaufswagen leerzuräumen. Während mein Beute-Karton immer schwerer wird, überlege ich mir, wie oft ich in meiner Kindheit und Jugend, wenn ich mal irgendwo was helfen musste, den Satz zu hören gekriegt habe: "Jung, du hast doch zwei Hände!"

Nachdem die Kassiererin das spärlich belegte Band leergeräumt hat, stelle ich erleichtert fest, dass die Dame wenigstens liquide ist. Schließlich gibt mir die Verkäuferin das Gefühl, als Kunde noch König zu sein ("Mer meint ja grad, ganz Siegen tät hier einkaufen ... da kann ja morgen keiner mehr kommen."), und ich räche mich mit dem Zücken meiner EC-Karte. Mein Blick schweift über die Schlange an der Kasse, während ich darauf warte, dass ich meine Geheimzahl eingeben muss. Ja, in diesem Moment hasst ihr mich alle.